Der Grund dafür: Die Frage wird nie ehrlich beantwortet wird und derjenige, der sie stellt, will auch gar keine ehrliche Antwort. Also was soll dann das Ganze? Es gibt andere Möglichkeiten: 

Ich treffe eine nette Bekannte, rein zufällig, das erste Mal wieder nach den Sommerferien. Sie fragt mich: 

Der Grund dafür: Die Frage wird nie ehrlich beantwortet wird und derjenige, der sie stellt, will auch gar keine ehrliche Antwort. Also was soll dann das Ganze? Es gibt andere Möglichkeiten: 

Wie geht es dir? 

Soll ich die Wahrheit sagen? 

Beschissen! 

Ich verkneife mir eine ehrliche Antwort. Meine Bekannte kann mir nicht helfen. Denn ich muss noch zum Kiezmarkt, denn auf einmal sind zwei 15jährige Jungs nebst meinem Sohn aufgetaucht, die Hunger haben. Einen Riesenhunger. Ich habe schon wieder vergessen, meiner Tochter den Ordner aus dem Schreibwarenladen mitzubringen („Mama, ich bekomm`echt Ärger, wenn ich morgen nicht alle Sachen habe“), ich habe von meinem hektischen Bürojob brüllendes Kopfweh und zu Hause am Schreibtisch wartet ein blinkender Cursor auf seinen Einsatz. Im Dezember soll mein Roman fertig sein. Ich laufe der Zeit hinterher. KOPFWEH.

Stattdessen sage ich: 

„Ja, alles bestens. Urlaub war nett, nichts großes. Bisschen in Bayern, du weißt schon.“ 

Ich mach eine Handbewegung, in Richtung Bayern, blinzele in die Sonne, im Sinne von „Die da unten. Spinnen ein bisschen.“ Die Berlinerin sagt: „Aber die Natur dort ist wirklich schön.“ Ich erkenne an dem einleitenden „aber“, dass sie meine Probleme mit Bayern verstanden hat. Aber darum geht es nicht. Im Moment habe ich ganz andere Probleme. Riesige. Mir fällt ein, dass ich noch eine Abbuchung bei meiner Bank beanstanden muss und dann noch mit dem Hund raus. Zusätzlich zu allem anderen. Dann wieder zurück an den Schreibtisch. 

 KOPFWEH. 

Die Bekannte nickt mir zu und geht. Und mit meinem hohlen Lächeln, das ich ihr gerade noch geben konnte, entweicht der letzte Funken Energie, den ich hatte. Aus. Vorbei. Jetzt kann ich nicht mehr. 

Wie geht es dir?

Gut.

Alles bestens. 

Die einzigen Antworten, die wir haben, wenn wir nach dem „Wie geht es dir“ gefragt werden. 

Schließlich muss der Tag weitergehen und wir wollen nicht grußlos aneinander vorbeigehen. Ich versteh das, aber dennoch. Es ist hohl. Unehrlich. Bescheuert.

Der nächste Tag: Ich wage ein Experiment, als ich meinen Freund Ralf treffe. Wieder Kopfweh. War ein hektischer Tag. 

Wie geht es dir? 

Natürlich fragt er das. Was soll er denn auch sonst fragen, denke ich mir und spüre ein bisschen Wut. 

Ich bin traurig. Mir wird alles zuviel. 

So jetzt ist die Wahrheit draußen in der Welt. Will das jemand wissen? Ralf bleibt stehen, wartet ab und macht etwas Großartiges. Wir setzen uns zum Asiaten und während wir uns einen Teller Frühlingsrollen teilen, sprechen wir über meine Traurigkeit. Aber wir können die Quelle nicht so richtig finden. Liegt es daran, dass ich im Kopf noch an der Arbeit bin, an die schrecklichen Politiker-Aussagen denke, daran, dass eine staatliche Seenotrettung fehlt? Oder daran, dass ich den Ordner immer noch nicht besorgt hatte? Und das Geld auf dem Konto zweistellig wird? Wir sprechen dreißig Minuten, dann müssen wir beide weg. Beim Verabschieden denke ich mir, ich habe meine und seine Zeit verschwendet. Ich entschuldigte mich. Dafür, dass ich heute nicht lustig war. Ist doch wahr, die Leute mögen mich, weil ich lustig bin. Ralf sieht jetzt auch ganz betrübt aus, weil er mir nicht helfen konnte. Ich hätte besser sagen sollen: 

Gut. 

Alles bestens. 

Ferien waren nett. Bayern. Du weißt schon. 

Wenn ich unglücklich bin, möchte ich mein Unglück mit niemanden teilen. Schlicht und einfach deshalb, weil ich nicht zugeben will, dass ich unglücklich bin. Ich will dass die Leute denken, ich sei eine lustige Ulknudel. Verdammt, das bin ich nicht. Jedenfalls nicht immer. Niemand kann dauernd glücklich sein, oder? 

Wenn es hochgeht, geht es auch wieder runter auf der Kurve der Glücksstimmung. Kann man da etwas tun, oder wartet man ab? Setzt man sich in den Waggon, der einen sicher und ruhig die Kurven des Glücks abfahren lässt? Was sagen dazu die großen Dichter und Denker? Ich muss nicht lange suchen, ein Sprichwort fällt mir ein: 

Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteiltes Glück ist doppeltes Glück. 

Als Kind habe ich Sprichworte gesammelt, sie regelrecht aufgesogen. Es waren auch dumme darunter, oder solche, die ich nie verstanden habe („Der Krug geht solange zum Brunnen bis er bricht.“). 

Aber dasjenige mit Glück und Leid ist kein dummes Sprichwort. Ich denke, wenn wir mehr über unsere unglücklichen Gefühle erzählen, kann das die Freundschaft, oder auch nur die Bekanntschaft festigen. Unglück hat die Kraft, uns zusammenzuschweissen. Wir müssen nur fragen: 

Wie geht es dir wirklich? 

Ich habe Zeit, um dir zuzuhören. Auch lange. Komm, setz dich. 

Als ich das nächste Mal Ralf treffe, (im Schreibwarengeschäft, ich kaufe einen Ordner, ha!) kommen wir schnell ins Gespräch. Es macht mich glücklich, dass er Anteil nimmt an meinem hektischen Alltag. Wir setzen da an, wo wir beim Asiaten aufgehört haben. 

Ich bedanke mich fürs Zuhören. Und bin ein kleines bisschen glücklicher.