Was heißt hier Migrationshintergrund?

Sprache kann viel, auch verzerren und verschleiern. Und man benutzt oft Worte, die einem im Grunde  unklar sind. Gerade bei emotionalen Themen greift man zu Wortungetümen, um sich dahinter zu verstecken: Beispiel: Die Flüchtlingskrise (Auch so ein Wortungetüm, aber das nur am Rande). Es schwirren unzählige Bezeichnungen in der Luft: Flüchtlinge, Migranten und dann noch Menschen mit Migrationshintergrund.

Ich habe mal nachgezählt: Im vergangenem Monat war in deutschen Zeitungen 320 Mal das Wort Migrationshintergrund zu lesen. Mir gefällt es vom Klang her nicht und ich finde, es wirft – jedesmal wenn ich darüber stolpere – Fragen auf:

  • Habe ich eigentlich mit meinen polnischen und österreichischen Großeltern Migrationshintergrund? Hat unser Innenminister namens De Maizière (Der Nachname leitet sich vom Herkunftsort der Familie ab, der Gemeinde Maiziéres bei Metz in Lothringen auch „MH“- wie Regierungssprecher das Wortungetüm gern in ihren Pressekonferenzen abkürzen
  • Wann tauchte das Wort, an das wir uns schon so gewohnt haben, zum ersten Mal auf?
  • Ersetzt es das Wort „Ausländer“, weil wir uns nicht mehr trauen, „Ausländer“ zu sagen? Oder ist das wieder etwas völlig anderes?
  • Gibt es einen anderen, besseren Begriff?
  • Ich begebe mich auf Recherche:

Vor 16 Jahren….

Vor der großen Änderung des Staatsangehörigkeitenrechts im Jahr 2000 gab es Ausländer und Deutsche. Doch dann wurden immer mehr Ausländer Deutsche, weshalb das Statistische Bundesamt im Jahr 2005 eine neue Kategorie einführte: Personen mit Migrationshintergrund“. Im Jahr 2009 stand der Begriff zum ersten mal im Duden, aber er ist noch älter: Er dient als interne Definition für das sog. Mikrozensusgesetz, und das erklärt, warum er so schwerfällig daherkommt; ein Gesetzeswort eben.

Und wer hat nun Migrationshintergrund?

Das statistische Bundesamt definiert Personen mit Migrationshintergrund so:

alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“.

Ich hab mal meine Freunde angerufen und zwar diejenigen, bei denen ich Migrationshintergrund vermute:

So wie Angelica, deren Eltern in den 60er Jahren von Italien nach Deutschland eingewandert sind. Angelica ist in Bayern aufgewachsen:

Angelicá (Vater aus Italien, in Berlin aufgewachsen) „Echt? Komm ich jetzt auf ne schwarze Liste?

„wusst ich nicht“ schweigt Robert (Eltern aus Polen) betroffen.

Da stimmt ja dann die ganze Statistik nicht (Robin, Vater: Engländer, Mutter: Deutsche, in München aufgewachsen)

Genauso wie Rudi: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast (Vater: Deutscher, Mutter aus dem Iran, Rudi selbst ist in München aufgewachsen.

Claudia: „Wie meinst du das? Bin ja in Deutschland geboren?“ (Mutter: Deutsche, Vater: Italiener)

Fazit meiner Mini-Umfrage: Viele wussten nicht, dass sie in der Statistik von nun an als Menschen mit Migrationshintergrund gezählt werden. Und die Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen.

Etwas Neues in Sicht?

Der Mikrozensus ist eine der wichtigsten Datenquellen für Politik und Wissenschaft. Der Mikrozensus ist eine statistische Erhebung, bei der im Gegensatz zur Volkszählung nur zufällig ausgewählte Haushalte beteiligt sind. Das Gesetz gilt nur noch bis zu diesem Jahr, es wird aber erneuert. Und dann könnte man doch gleich den irreführenden Begriff „Migrationshintergrund“ ändern? Aber dem ist nicht so, so sagt mir das die Pressestelle des Bundesamtes für Statistik: „Es ist eine rein interne Definition. Es heißt ja nicht, dass bei jedem Menschen mit Migrationshintergrund auch Integrationsbedarf besteht“.

Mit dem Datensatz werden dann also „echte“ Deutsche mit mit Menschen mit Migrationshintergrund verglichen und mit Zahlen belegt. Die Wirklichkeit dahinter interessiert nicht.

Wie machen es andere Länder?

In Frankreich gibt es nur die Unterscheidung „Franzosen“ und „Ausländer“, in Großbritannien kann sich der Mensch selbst aussuchen, wohin er gehört: Als Brite oder als Mensch mit „anderer ethnischer Zugehörigkeit“.

Und jetzt?

Also: Diesen Begriff, werde ich nie, nie mehr schreiben. Und vielleicht kann man ihn ja auch ausdehnen, so wie Carolin Kebekus es vorschlägt (bei Min. 1:36):

Carolin Kebekus – Menschen mit Menstruationshintergrund